Ist Schurwolle temperaturausgleichend?

Coburger Fuchsschafe und Rhönschafe auf der Weide im Allgäu

Ist Schurwolle temperaturausgleichend?

Schafwolle ist temperaturausgleichend, weil sie Wärme isoliert und gleichzeitig große Mengen Wasserdampf aufnehmen und wieder abgeben kann. Wollfasern können bis zu etwa ein Drittel ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit binden, ohne sich nass anzufühlen [1]. Dadurch werden Temperatur- und Feuchteschwankungen abgepuffert, was Wärmeverluste bei Kälte und Überhitzung bei Feuchtebelastung reduziert. Das Ergebnis ist ein stabileres Temperatur- und Feuchteklima.

Was bedeutet „temperaturausgleichend“ bei Schafwolle?

Temperaturausgleichend beschreibt die Fähigkeit eines Materials, Temperatur- und Feuchteschwankungen abzumildern, statt nur Wärme zu speichern. Bei Schafwolle entsteht dieser Effekt durch zwei Eigenschaften der Faser: erstens durch ihre geringe Wärmeleitfähigkeit, zweitens durch ihre Hygroskopizität, also die Fähigkeit, Wasserdampf aufzunehmen und wieder abzugeben. Die gekräuselte Wollfaser schließt Luft ein und bremst den Wärmeaustausch. Gleichzeitig reagiert sie aktiv auf Feuchtigkeit und beeinflusst damit das Temperaturgefühl. [2]

 „Wollfasern weisen ein hygroskopisches Verhalten auf, wodurch sie große Mengen an Feuchtigkeit (bis zu 33–34 % (kg/kg)) aufnehmen und adsorbieren können.“

  • M. Tuzcu, Delft University of Technology, Hygro-Thermal Properties of Sheep Wool Insulation, 2007

Eine zentrale Rolle spielt die natürliche Kräuselstruktur der Wollfaser. Sie sorgt dafür, dass die Fasern nicht dicht aneinanderliegen, sondern Luft einschließen. Diese Luftpolster wirken isolierend und bleiben durch die elastische Struktur der Faser auch bei Bewegung oder Feuchtigkeit weitgehend erhalten.

Worin unterscheidet sich Schafwolle von Alternativen?

Synthetische Fasern isolieren hauptsächlich durch eingeschlossene Luft, können Feuchtigkeit jedoch kaum aufnehmen. Pflanzenfasern wie Baumwolle nehmen Feuchtigkeit auf, verlieren dabei aber rasch ihre isolierende Wirkung. [3]

Schafwolle verbindet beide Funktionen: Sie isoliert und puffert Feuchtigkeit.

Finkhof Schafschur, Hände sortieren Wolle

Wann ist Schafwolle sinnvoll?

Die temperaturausgleichende Wirkung von Schafwolle ist besonders relevant, wenn Wärme und Feuchtigkeit gleichzeitig auftreten oder sich Bedingungen häufig ändern – was insbesondere bei Kleidung und Bettwaren eigentlich immer der Fall ist, denn der menschliche Körper gibt kontinuierlich Feuchtigkeit (Schweiß) ab. Typische Einsatzbereiche sind:

  • Bekleidung bei wechselnder Aktivität (z. B. Wandern, „Stop-and-Go“): Körperwärme wird gespeichert, überschüssige Feuchtigkeit von der Wolle aufgenommen. So wie bei den Schafen auch.
  • Bettdecken und Matratzen: nächtliche Feuchteabgabe wird gepuffert, ohne dass Wärmestau entsteht, das subjektive Schwitzempfinden kann reduziert werden.
  • Gebäudeisolierung: Temperatur- und Feuchteschwankungen werden gedämpft, was zu einem ausgeglicheneren Raumklima beiträgt.

Voraussetzung dafür, dass Schurwolle diese Eigenschaften behält, ist, dass die Wollstruktur nicht stark verdichtet oder versiegelt ist.

Merinolandschafe mit Hütehund auf der Weide

Schon gewusst?

Temperaturausgleichend bedeutet nicht nur wärmend. Wolle speichert vorhandene Wärme, erzeugt sie aber nicht selbst.

Das lässt sich gut an Schafen im Winter beobachten: Auch bei Schnee und Kälte bleibt die Körperwärme der Tiere unter dem dichten Wollvlies erhalten, während Kälte von außen nur langsam bis zur Haut vordringt. Die Wollfasern schließen Luft ein und bremsen so den Wärmeaustausch.

Dasselbe Prinzip wirkt auch beim Menschen. In Wollkleidung bleibt die eigene Körperwärme näher am Körper, während Kälte von außen abgepuffert wird. Gleichzeitig kann überschüssige Wärme und Feuchtigkeit entweichen, sodass kein Hitzestau entsteht.

Dass Schafwolle auch gegen Kälte isoliert, zeigt sich nicht nur auf der Weide und in Studien, sondern auch in der Praxis. So wird Schurwollfilz unter anderem für isolierende Transporttaschen für Tiefkühlprodukte eingesetzt, bei denen die geringe Wärmeleitfähigkeit der Faser genutzt wird.

„Schafwolle hat aufgrund der zwischen den Fasern gebildeten Mikrohohlräume und der röhrenförmigen Struktur der Fasern gute isolierende Eigenschaften. In der kalten Jahreszeit trägt sie zur Erhöhung der Innentemperaturen bei, und in der heißen Jahreszeit sorgt sie für niedrige Temperaturen im Inneren des Gebäudes.“

  • O. Dénes, Z. C. Cristian, Analysis of Sheep Wool-Based Composites for Building Insulation, Polymers, 2022

Der Finkhof – seit jeher mit dem Schaf verbunden

Wir von der Schäfereigenossenschaft Finkhof arbeiten seit 1979 mit Schafen und Schafwolle. Der heutige Schwerpunkt liegt auf der Verarbeitung von Schurwolle zu fertigen Produkten in eigenen Manufakturen sowie in enger Zusammenarbeit mit langjährigen Partnerbetrieben.

Pro Jahr lassen wir rund 20 Tonnen Bio-Rohwolle, die wir bei Partner-Schäfereien einkaufen, zu Garnen, Stoffen, Wolldecken, Naturmode und Bettwarenverarbeiten. Den gesamten Prozess koordinieren wir selbst: von der Auswahl der Rohwolle über Waschen, Spinnen, Stricken, Weben oder Walken bis zum fertigen Produkt.

Schild zum Finkhof Hofladen in Arnach

Die temperaturausgleichenden Eigenschaften von Schurwolle sind an die natürliche Faserstruktur gebunden. Entsprechend verzichten wir bewusst auf stark eingreifende Verfahren, die diese Struktur verändern können. Dazu zählen unter anderem Chlorierung oder Kunstharzbeschichtungen zur Verhinderung des Verfilzens sowie chemische Carbonisierung mit Säuren zur Entfernung pflanzlicher Rückstände. Ziel ist eine möglichst naturbelassene Wolle, bei der die funktionalen Eigenschaften der Faser erhalten bleiben.

Weitere spannende Eigenschaften von Schafwolle finden Sie auf unserer Wissensseite „Eigenschaften der Schafwolle“. Unser Angebot aus Schurwoll-Produkten finden Sie im Finkhof-Onlineshop oder im Finkhof-Katalog, den wir Ihnen gerne kostenlos nach Hause senden.

[1] Kuffner, H.; Popescu C. Wool fibres. In Handbook of Natural Fibres; Kozłowski, R.M., Mackiewicz-Talarczyk, M., Eds.; Woodhead Publisher: Cambridge, UK, 2012; Volume 1

[2] T.M. Tuzcu, Delft University of Technology, Hygro-Thermal Properties of Sheep Wool Insulation, 2007

[3] Mitja Slavinec*, Robert Repnik and Eva Klemenčič, The impact of moisture on thermal conductivity of fabrics, 2022

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