Warum ist deutsche Schafwolle gröber als australische Merinowolle?

Kratzt deutsche Wolle?
Bei Führungen über den Finkhof wird sie uns gestellt, am Telefon, per E-Mail und auf Instagram: „Kratzt ein Pullover aus deutscher Wolle?“
Die kurze Antwort lautet: Es kommt darauf an.
Zunächst einmal darauf, wie Sie selbst die Wolle empfinden. Denn wir kennen Ihre Haut nicht. Manche Menschen tragen kräftigere deutsche Wolle gern direkt auf der Haut. Andere empfinden selbst feine Wolle in Kombination mit Seide als unangenehm.
Was wir sagen können: Die Wolle vieler deutscher Schafrassen ist kräftiger als jene kuschelweiche Merinowolle, die viele vor Augen haben, sobald von Wolle die Rede ist. Dabei scheinen oft nur zwei Bilder zu existieren: hier die wunderbar weiche Merinowolle, dort die kratzige Schafwolle. Dazwischen: nichts.
Doch genau dieses Dazwischen macht die Antwort auf die Frage so spannend. Wenn Sie es genauer wissen möchten, laden wir Sie auf einen kleinen Ausflug in die Welt der Wolle ein – von deutschen Schafweiden nach Australien und wieder zurück.
Jede Haut antwortet anders
Beginnen wir dort, wo das Thema in der Regel aufkommt: auf der Haut. Kräftigere Wollfasern biegen sich weniger leicht als feine. Ihre Enden drücken eher gegen die Haut. Ob wir das als angenehm, als leichtes Kribbeln oder als richtiges Kratzen empfinden, ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden.
Der Durchmesser der einzelnen Wollfasern spielt also eine Rolle. Auch die Verarbeitung ist ausschlaggebend. Wie die Fasern versponnen, verstrickt oder verwebt werden, beeinflusst den Griff des fertigen Kleidungsstücks.
Wo Merino besonders fein wurde
Für den zweiten Teil der Antwort müssen wir einen weiten Sprung machen: nach Australien. Von dort kommt ein großer Teil jener feinen Merinowolle – über die gesamte Textilbranche gesehen, nicht auf den Finkhof bezogen –, die viele mit besonders weicher Wollkleidung verbinden.
Wie fein eine Wollfaser ist, wird in Mikrometern gemessen, meistens kurz Mikron genannt. In der australischen Einteilung gilt Wolle bis 18,5 Mikron als „superfine“, von 18,6 bis 20,5 Mikron als „fine“. Bei vielen australischen Merinolinien wurde über Generationen sehr gezielt auf solche kleinen Faserdurchmesser gezüchtet.
Dass diese Auswahl so gut funktioniert, hat einen Grund: Der Faserdurchmesser ist vergleichsweise stark erblich. Eine große Auswertung internationaler Zuchtstudien ermittelte dafür eine sogenannte Heritabilität von 0,59.
Das bedeutet nicht, dass eine einzelne Wollfaser zu 59 Prozent aus Genetik besteht. Der Wert zeigt vielmehr, dass ein erheblicher Teil der beobachteten Unterschiede zwischen den untersuchten Tieren auf vererbbare genetische Unterschiede zurückging. Vereinfacht gesagt: Werden über viele Generationen immer wieder Schafe mit besonders feiner Wolle zur Zucht ausgewählt, kann die Wolle einer Herde tatsächlich immer feiner werden.