Wo die Wollfäden Europas zusammenlaufen

Um sich in dieser Werkshalle zu verstehen, muss man brüllen. So laut rattert die riesige Maschine, vor der ich stehe.
In einer alten Industriehalle in Ostbelgien bewegen sich schwere Metallarme durch Becken. Sie sehen aus wie riesige Kämme. Die Anlage wird aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit „Leviathan“ genannt, benannt nach dem biblischen Seeungeheuer. Langsam und stetig ziehen die Metallarme durch das Wasser, damit die empfindliche Wolle nicht beschädigt wird. Es sieht aus, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Becken für Becken wird hier ausgespült, was die Schafwolle nach der Schur mit sich bringt: Wollfett, Dreck und Pflanzenteile. Damit daraus am Ende ein sauberes Material wird, das gesponnen werden kann.
Es knackt und rattert. Immer wieder erwischt mich ein Schwung warmer Luft. Es riecht nach Schaf und Stall. Überall ist Schafwolle. Sie liegt auf dem Boden, hängt in Fetzen an Metallteilen, klebt in den Ritzen der Maschine. Wären da nicht die Menschen und der ohrenbetäubende Lärm der Maschine, könnte man den Ort für verlassen halten.
Draußen, auf dem Hof, stehen Ballen. Viele Ballen. Ein Gabelstapler fährt zwischen ihnen hindurch, eine Lkw-Waage ist zu sehen, Menschen sind nur wenige unterwegs. Von außen wirkt das Gelände unscheinbar.
Drinnen versteht man erst, was in diesen Ballen steckt: Rohwolle. Aus ganz Europa kommt sie hierher: aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, England, Dänemark und der Schweiz. Sie wird gewaschen oder karbonisiert. Denn diese Wollwäscherei gehört zu den wenigen Betrieben in Nordeuropa, die Rohwolle in dieser Größenordnung verarbeiten können. Und zwischen all diesen Ballen liegen auch die vom Finkhof.
Zwischen den Ballen wird mir klar, dass hier die Wollfäden vieler Länder zusammenlaufen. Dieser Ort in Verviers ist nicht einfach eine alte Halle mit einer alten Maschine. Er ist ein Knotenpunkt. Hier kommt Wolle aus Europa zusammen, bevor sie weiterzieht: zum Spinnen oder Kardieren. Später wird daraus vielleicht Garn, Stoff, ein Wollpullover oder eine Wolldecke.
Ein warmer Wollpullover wirkt zunächst unkompliziert. Die Wolle wird gesponnen, gestrickt und getragen. So einfach stellt man es sich vielleicht vor. Doch zwischen dem Schaf auf der Weide und dem Pullover im Kleiderschrank liegen Orte, die die meisten Menschen nie betreten. Einer dieser Orte ist diese Wollwäscherei. Dass sie ausgerechnet hier steht, hat mit der Geschichte der Region zu tun.
Die Region um Verviers war einst eine Hochburg der belgischen Textilindustrie. Um 1850 arbeiteten hier rund 18.000 Menschen in diesem Bereich. Früher wurde Wolle hier direkt im Fluss gewaschen. Das kalkarme, weiche Wasser der Vesdre eignete sich besonders gut dafür. Auch deshalb siedelten sich in der Region viele Textilunternehmen an.
Davon ist nicht mehr viel geblieben. Einige ehemalige Textilfabriken in der Gegend erinnern an diese Zeit. Die Fenster sind eingeschlagen, viele Gebäude stehen leer. In Verviers aber wird in der Wollwäscherei noch gearbeitet.
Ich frage den Geschäftsführer, wie alt die Wollwaschmaschine ist. Sie misst vielleicht zwanzig Meter, vielleicht mehr. Schwer zu schätzen, denn sie erstreckt sich über den ganzen Raum und über zwei Stockwerke. Er zuckt mit den Schultern: „Auf jeden Fall älter als ich.“
Auf den ersten Blick braucht es für die Wollwäsche nicht viel. Wasser, Wärme, Soda als Waschmittel und möglichst sanfte Bewegung – sonst würde die Wolle verfilzen. Doch das ist nur der erste Blick.
In der Halle in Verviers sieht man, was mittlerweile alles damit zusammenhängt. Maschinen müssen gewartet werden. Menschen müssen wissen, wie sie mit ihnen arbeiten. Auch für den Transport braucht es Genehmigungen, denn aufgrund von Hygienevorschriften ist er streng reguliert. Das Abwasser muss fachgerecht behandelt werden. Und es braucht Kunden, die bereit sind, diesen Schritt in Europa zu halten, auch wenn die Wollwäsche in Asien deutlich günstiger wäre. Für uns vom Finkhof ist das wichtig. Deshalb lassen wir seit Jahrzehnten unsere Rohwolle hier waschen.
Belgien klingt von Süddeutschland aus weit weg. Verglichen mit globalen Lieferketten ist das eine kurze Distanz. Und wir wissen, wo die Wolle gewaschen wird und wer diese Arbeit übernimmt. Wir können vor Ort sehen, was mit unserer Wolle geschieht. Und wir können nachvollziehen, welchen Weg sie nimmt.
Als ich die Halle wieder verlasse, fährt draußen ein Gabelstapler den nächsten Ballen zur Verarbeitung. Die Maschine läuft weiter. Und mit ihr ein Prozess, ohne den aus Rohwolle kein Garn, kein Stoff und kein Pullover werden kann.
Später lasse ich den Tag in Verviers ausklingen. Ich gehe durch die Stadt, in der vieles noch an die textile Vergangenheit erinnert. Und wie es der Zufall will, sehe ich auf meinem Rückweg, dass ich mein Auto in der Rue aux Laines geparkt habe, auf Deutsch: Wollstraße. Nach diesem Tag wirkt selbst der Straßenname wie ein weiterer Faden dieser Geschichte.












